Auf dem Arbeitsmarkt gilt nach wie vor: Je besser verfügbar, desto bessere Chancen

Seit jeher leiden erwerbstätige Frauen mit Kindern unter Doppel- oder gar Dreifachbelastung. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Sie reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert, als sich die Industriegesellschaft durchzusetzen begann. Nun ist es seit einiger Zeit möglich, Jahresarbeitszeiten einzuführen, die, was bereits nachgewiesen ist, arbeitswillige Männer ohne Familie bevorteilt und Frauen wie auch Eltern mit Doppelbelastung zurückdrängt. Mit den aktuell zur Diskussion stehenden Arbeitsgesetzgebungen sollen Wochenhöchstarbeitszeiten abgeschafft und durch Jahreshöchstarbeitszeiten ersetzt werden: Eine 60-Stunden-Woche und Arbeiten an Sonntagen sollen Alltag werden.

In diesem Kontext lässt eine Studie der Australian National University aufhorchen, die im Januar 2017 im Magazin «Social Science & Medicine» publiziert wurde. Laut arbeitsmedizinischen Fachleuten in der Schweiz seien die Ergebnisse der Studie auch hierzulande und anderswo anwendbar und sie sei sehr solide gemacht. Für die Studie wurden 8000 Personen von 24 bis 64 Jahren aus allen sozialen Schichten, je hälftig Frauen und Männer sechs Jahre lang detailliert nach ihren Arbeits- und Lebensbedingungen sowie ihrer Gesundheit befragt. So war es möglich, differenzierte Aussagen zu bekommen. Zum Beispiel sei die Belastungsgrenze einer alleinstehenden Person ohne familiäre Pflichten deutlich höher als bei Arbeitnehmenden, die für Kinder sorgen oder Kranke pflegen. Bei grossem Engagement für die Familiensorgearbeit sinkt die Erwerbsarbeit für Frauen durchschnittlich auf 31 Stunden, ohne gesundheitlichen Schaden zu nehmen, bei Männern sind es 42 Stunden. Umgekehrt ist feststellbar, dass Frauen, die wenig Hausarbeit verrichten, gerne für 41 Stunden und Männer gar 50 Stunden einer Erwerbstätigkeit nachgehen wollen.

Mit dieser Studie verfolgten die Forscher das Ziel, die ideale berufliche Wochenarbeitszeit zu ermitteln, einerseits ohne familiäre Verpflichtungen und andererseits im Kontext familiärer und häuslicher Sorgearbeit. Sie kommen zum Schluss, dass es kein Maximum, sondern ein Optimum gibt. Dieses Optimum sei die entscheidende neue Erkenntnis dieser neuen Studie. Mehr zu arbeiten sei schädlich, wie weniger ebenso, meinen gesundheitsmedizinische Fachleute.

Markant sind die Unterschiede zwischen der optimalen Wochenarbeitszeit von Mann und Frau, insbesondere bei wenig häuslichen Pflichten: Männer halten offenbar neuen Stunden mehr aus als Frauen, ohne häufiger krank zu werden. Wie ist das zu erklären? Zusammengefasst, was bisher dazu erforscht wurde:

·          Tendenziell haben Frauen eine schlechtere Arbeitsstelle mit weniger Autonomie, Gestaltungsmöglichkeit, Flexibilität und Sicherheit.

·          Immer noch verdienen Frauen für gleichwertige Arbeit weniger, was zu gesundheitlichen Störungen führen kann.

·          Frauen verfügen in der Regel über weniger Geld als Männer, was weniger Sicherheit bedeutet, die Wohnung behalten zu können. Kann auch dazu führen, in weniger guter Nachbarschaft zu leben.

·          Oft hätten Frauen an der Hausarbeit und in der Arbeit mit Kindern weniger Spass als Männer, so der Befund verschiedener Forschungen, was sich wiederum negativ auf die Gesundheit auswirke.

Die Autorenschaft der Studie zieht die Schlussfolgerung, dass Frauen im Vergleich zu Männern systematisch weniger Flexibilität erleben. Zudem erdulden sie oft eine qualitativ schlechtere Beschäftigung im Beruf aber auch im Privatleben, was sich negativ auf die Gesundheit auswirke.

Das Forschungsteam bezieht auch klar Stellung gegen Liberalisierungspläne. Wochenarbeitszeiten, die über 39 Stunden liegen, seien zu hoch. Das Optimum nach ihren Ergebnissen liege um die 39 Stunden pro Woche für beide Geschlechter.

Neben der Arbeitszeit dürfte eine solche Studie auch die Debatte über die berufliche Gleichberechtigung von Frau und Mann anheizen. Was wir alle wissen, eine hohe Wochenarbeitszeit führt zur Bevorzugung bezahlter Arbeitnehmer mit wenig familiären Pflichten, respektive einer Partnerin, Mutter oder Schwester, die um die Haus- und Familienarbeit besorgt sind. Frauen mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen haben in einer solchen Situation nur zwei Möglichkeiten, die beide nicht gut sind: Entweder arbeiten sie mehr Arbeitsstunden pro Woche und gefährden ihre Gesundheit oder sie versorgen die Familie und sind dadurch gezwungen, ihre berufliche Entwicklung zu vernachlässigen.

So ist es nicht verwunderlich, dass in der Schweiz viele Frauen, die es sich leisten können, wöchentlich einer Erwerbsarbeit von ungefähr 30 bis 36 Stunden nachgehen, was die australische Studie bestätigt. Diejenigen Frauen, die trotzdem Vollzeit erwerbstätig sein müssen, gefährden ihre Gesundheit, was von gesundheitsmedizinischen Fachleuten immer wieder reklamiert wird.

Fazit: Die radikale und neue Erkenntnis der Studie ist die zunehmend abnehmende Chancengleichheit zwischen Mann und Frau und zwischen jungen und älteren Arbeitnehmenden. Die Trennung zwischen Arbeits- und Freizeit wird zunehmend aufgehoben und verwischt, gekoppelt von einer wachsenden Erwartungshaltung, dass Arbeitnehmende beinahe zu allen Zeiten ansprechbar sind und auf Nachrichten aus dem Betrieb reagieren können. Eine solche Entwicklung bietet denjenigen einen Selektionsvorteil, die solchen Anforderungen gut bis sehr gut jederzeit nachkommen können. Instrumente für Chancengleichheit am Arbeitsplatz stehen aber diesen Entwicklungen diametral entgegen: Arbeitszeiten sind klar zu regeln, Höchstarbeitszeiten sind moderat zu gestalten. Kinderbetreuung und Sorgearbeit für die Familie lässt sich schlicht und einfach nicht programmieren.

 

Am 16.3.2017 erscheint Heft 37 von Lunpark21 mit dem Schwerpunkt Aktion Straßenraub und zahlreichen Beiträgen zur neuen (und alten) Politik der USA. Therese Wüthrich ist im neuen Heft mit einem Artikel zum Thema Männer-Revolutionen – Frauen-Positionen vertreten.

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