Arbeitsteilung.lexikon

Georg Fülberth. Lunapark21 – Heft 28

Großer Beliebtheit erfreut Marx‘ und Engels‘ Vorstellung von einer Gesellschaft, in der es möglich sein werde, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ (MEW 3, S. 33). An einer anderen Stelle desselben Textes – der „Deutschen Ideologie“ – heißt es: „In einer kommunistischen Gesellschaft gibt es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter Anderm auch malen.“ (MEW 3, S. 379).

Marx war, als dies 1845/1846 geschrieben wurde, 27 bis 28 Jahre alt, Engels 25 bis 26. Dass sie die „Deutsche Ideologie“ nie drucken ließen, hat nichts mit einer etwaigen Distanzierung von der hier vorgetragenen Ansicht zu tun. 1878 nämlich hat sie Friedrich Engels wiederholt, als er sich gegen Eugen Dühring wandte, der sich nicht vorstellen könne, „daß es einmal keine Karrenschieber und keine Architekten von Profession mehr geben soll und daß der Mann, der eine halbe Stunde lang als Architekt Anweisungen gegeben hat, auch eine Zeitlang die Karre schiebt, bis seine Tätigkeit als Architekt wieder in Anspruch genommen wird.“ (MEW 20, S. 186)

Peter Hacks will sich in seinen „Ökonomisch-ästhetischen Fragmenten“ ausschütten vor Lachen nicht nur über Dühring, sondern auch über Engels und zugleich über Marx: „Wirklich, zwei Volksmänner. Man sieht die Schlapphüte und die roten , Schärpen. Man kommt sich vor wie auf dem Hambacher Fest. Dabei sind sie selbdritt, Marx und Engels sowohl als auch Dühring, vollständig außer Verdacht, je einen Karren geschoben zu haben. Aber es ist nicht zu leugnen: in der Engelsschen Beweisführung spukt noch die Erinnerung an die mit Marx durchschwärmten Jünglingsjahre. […] Der Verfasser [gemeint ist Hacks selbst. GF], der weder Muße noch Lust hätte, Karren zu schieben, fragt sich, wie man das macht, eine halbe Stunde lang Architekt zu sein.“ (Hacks, Werke. Bd. 14: 315/316) Es kann hinzugefügt werden: Und wer ließe sich von einem Hobby-Chirurgen ohne viel Übung den Blinddarm entfernen?

So gesehen, erscheint der Wunsch nach dem Ende der Arbeitsteilung in schlechtem Sinne romantisch. Da wäre doch wohl die ökonomische Klassik aus der Zeit der Aufklärung vorzuziehen. Für Adam Smith beruht der Wohlstand der Nationen auf der Arbeitsteilung. Ihr widmet er gleich das erste Kapitel seines ökonomischen Hauptwerks. Hier heißt es: „Die Arbeitsteilung dürfte die produktiven Kräfte der Arbeit mehr als alles andere fördern und verbessern. Das gleiche gilt wohl für die Geschicklichkeit, Sachkenntnis und Erfahrung, mit der sie überall eingesetzt oder verrichtet wird. […] Sobald aber die Teilung der Arbeit in einem Gewerbe möglich ist, führt sie zu einer entsprechenden Steigerung ihrer Produktivität.“ (A. Smith, Der Wohlstand der Nationen, 4. Aufl. München 1988, S. 9/10).

Wie tief diese Auffassung auch in die Lehre von der Alltagspraxis eingelagert war, mag ein Gedicht des Schriftstellers und Moralphilosophen Christian Fürchtegott Gellert aus dem Jahr 1746 zeigen. Es trägt den Titel „Der Blinde und der Lahme“ und geht so:
„Von ungefähr muß einen Blinden
Ein Lahmer auf der Straße finden,
Und jener hofft schon freudenvoll,
Daß ihn der andre leiten soll.
Dir, spricht der Lahme, beizustehn?
Ich armer Mann kann selbst nicht gehn;
Doch scheints, daß du zu einer Last
Noch sehr gesunde Schultern hast.
Entschließe dich, mich fortzutragen:
So will ich dir die Stege sagen:
So wird dein starker Fuß mein Bein,
Mein helles Auges deines sein.
Der Lahme hängt mit seiner Krücken
Sich auf des Blinden breiten Rücken.
Vereint wirkt also dieses Paar,
Was einzeln keinem möglich war.
Du hast das nicht, was andre haben,
Und andern mangeln deine Gaben;
Aus dieser Unvollkommenheit
Entspringet die Geselligkeit.
Wenn jenem nicht die Gabe fehlte,
Die die die Natur für mich erwählte:
So würd er nur für sich allein,
Und nicht für mich, bekümmert sein.
Beschwer die Götter nicht mit Klagen!
Der Vorteil, den sie dir versagen
Und jenem schenken, wird gemein,
Wir dürfen nur gesellig sein.“

Kehren wir von der Poesie zur Ökonomie zurück, so stoßen wir auf den Versuch, die Lehre von der Arbeitsteilung auf den Außenhandel anzuwenden: in David Ricardos Theorie der komparativen Kosten.

Angenommen wird, dass in England eine gegebene Menge Tuch von 100 Menschen und eine ebenfalls gegebene Menge Wein von 120 Leuten hergestellt werden kann. In Portugal braucht man für das Tuch 90 Arbeiter, für den Wein 80. Für die Portugiesen könnte es keinen Grund geben, Handel mit England zu treiben, denn sie produzieren beide Güter billiger. Dass die Engländer ihrerseits Interesse am Austausch haben, muss die Portugiesen nicht kümmern. Ricardo belehrt sie aber: Lassen sie die Tuchproduktion sein, spezialisieren sich stattdessen auf Wein und decken damit auch den englischen Bedarf, dann haben sie davon einen Vorteil wie die Engländer, die den Weinbau aufgeben und ausschließlich Tuch produzieren und exportieren. (Ricardo, Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung, Marburg 1994, S. 115/116).

Das Beispiel ist die nachgereichte ökonomische Theorie zum Methuen-Vertrag von 1703, der festlegte, dass Portugal Wein zollfrei nach England ausführen und dieses zu gleichen Bedingungen Tuch nach Portugal exportieren dürfe.
So viel zum Modell. Historisch-konkret war aber Portugal niemals in der Tuchproduktion überlegen. Beide befinden sich auch heute noch auf unterschiedlichem Entwicklungsstand. England bezog wohlfeile Baumwolle für sein gutes und billiges Tuch aus Indien und führte es auch dorthin aus. Die Ergebnisse waren noch krasser als im Fall Portugals.

So viel zu TTIP.

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