Arbeitsplätze in der Autoindustrie entscheidend? quartalslüge

Winfried Wolf. Lunapark21 – Heft 22

Beim Thema Statistik wird oft der Satz zitiert „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. In der Regel wird der britische Premier Winston Churchill als Autor dieses Bonmots genannt. Tatsächlich gibt es dafür keinen Beleg – wohl aber Indizien dafür, dass es die NSDAP-Propagandamaschine war, die diesen Spruch in die Welt setzte und Churchill als seinen Urheber ausgab. Damit sollten dessen zutreffende Aussagen zur Kritik der NS-Propaganda desavouiert werden.[*]

In Wirklichkeit sind Statistiken weiterhin wichtig. Sie wirken oft sogar aufklärerisch, wenn sie korrekt aufbereitet und interpretiert werden. Das ist das Ziel dieser Quartals-Lügen-Seiten, die in jeder Lunapark21-Ausgabe zu finden sind. In diesem Heft geht es um die Wertigkeit von Arbeitsplätzen im Allgemeinen und um das Argument, wonach die Arbeitsplätze in der Autoindustrie entscheidend seien, im Besonderen. Im Juni 2013 wandte sich der Präsident des Verbandes der Deutschen Autoindustrie (VDA), Matthias Wissmann, persönlich an die „liebe Angela“. Er forderte die Kanzlerin auf, alles zu tun, um eine – eher bescheidene – Senkung der CO2-Grenzwerte für Pkw, wie sie von der EU beabsichtigt ist, auszubremsen. Insbesondere sollten dabei solche Regelungen erreicht werden, dass die deutschen Hersteller sogenannter Premium-Pkw (v.a. Mercedes, Audi, BMW und Porsche) davon weitgehend verschont bleiben würden. Anderenfalls, so der Autolobby-Vertreter, drohe „ein gewaltiger Absatzeinbruch und ein massiver Verlust von Arbeitsplätzen in der Autoindustrie unseres Landes“.

Zunächst sei klargestellt: Es gibt längst einen Absatzeinbruch im gesamten europäischen Pkw-Markt. Der Autoabsatz in Europa sinkt in Europa seit sechs Jahren und erreichte im Mai 2013 ein Zwanzigjahrestief.

Das hat offensichtlich nichts mit den strengen Emissions-Grenzwerten zu tun – die wurden bereits in der Krise 2008/ 2009 verwässert, sind also weiterhin viel zu großzügig bemessen.

Es liegt vielmehr an den allgemeinen Krisentendenzen in Europa, aber auch an einem höchst erfreulichen Wertewandel in Bezug auf den Pkw insbesondere bei jungen Menschen. Das Auto verliert in Nordamerika und in Westeuropa als Statussymbol an Bedeutung.

Interessanter aber ist: Die Zahl der Arbeitslätze in der deutschen Autoindustrie – und zwar Jobs in der Kfz-Herstellung und solche bei den Autozulieferbetrieben – lag Anfang der 1980er Jahre bei 800000; es gab Ende der 1980er Jahre noch einen kleinen Anstieg auf rund 840000. Seither bewegt sich die Zahl zwischen 660000 und 750000; aktuell sind es rund 735000. (Grafik 1, untere Linie; Werte auf der linken Skala). Diese weitgehend konstante Zahl von Autobeschäftigten fertigte 1980 rund 3,5 Millionen Pkw; 2012 waren es 5,5 Millionen; kurz zuvor war ein Spitzenwert von knapp 6 Millionen erreicht worden (Grafik 1, obere Linie; Werte auf der rechten Skala). Damit hat eine leicht sinkende Zahl von Autobeschäftigten im 32-Jahreszeitraum die Produktion um rund 70 Prozent gesteigert. Das aber heißt: Die Arbeitsplätze in der deutschen Autobranche sind durch drei Tendenzen bedroht: Erstens kommt es zu einem massiven Rationalisierungsprozess; die Tendenz zur automatischen Autoproduktion nimmt enorm zu. Zweitens gibt es den beschriebenen Absatzeinbruch in Europa. Drittens findet ein Verlagerungsprozess von Auto-Jobs in andere Regionen, teilweise noch nach Osteuropa, vor allem jedoch in Schwellenländer und hier auch nach China statt. Diese drei Tendenzen sind in der Autoindustrie immanent; sie haben nichts mit „Außeneinwirkungen“ und wenig mit der Verkehrspolitik oder EU-Abgas-Grenzwerten zu tun.

Dies relativiert das Argument von der angeblich zentralen Bedeutung der Arbeitsplätze in der Autobranche bereits erheblich. Setzt man diese noch in Bezug zu Arbeitsplätzen in anderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen, dann wird das Argument nochmals fragwürdiger. So gibt es beispielsweise im Maschinenbau in Deutschland deutlich mehr als eine Million Arbeitsplätze. Gut ein Drittel mehr als in der Autobranche. Und hier ist die Tendenz steigend.

In Grafik 2 haben wir die Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie mit den Beschäftigtenzahlen bei der Bahn (Bundesbahn, DB AG und private Bahnen) und mit der Zahl der Lehrkräfte dargestellt. Hier gab es eine Halbierung der Zahl der Bahnbeschäftigten von rund 450000 im Jahr 1992/93 auf inzwischen weniger als 200000. Doch es gab bei dieser Arbeitsplatzzerstörung keinen Aufschrei, nicht einmal eine öffentliche Debatte. Dabei ist das Fehlen von Arbeitsplätzen in diesem Bereich Tag für Tag schmerzhaft spürbar: verwahrloste Bahnhöfe, fehlende Schalter, unzureichende Informationsmöglichkeiten, abnehmende Sicherheit im öffentlichen Raum – in den Bahnhöfen, auf den Bahnsteigen und in den Zügen.

Ein anderer interessanter Vergleich ist die Zahl der Lehrkräfte. Hier gibt es eine kontinuierlich steigende Tendenz; seit dem Jahr 1994 gibt es erstmals in Deutschland mehr Lehrerinnen und Lehrer als Beschäftigte in der Autobranche. Dabei handelt es sich nur um Lehrkräfte an allgemeinbildenden und Berufsschulen; zusammen mit Lehrkräften an Hochschulen sind es mehr als eine Million Beschäftigte. Dabei weiß insbesondere jede Mutter und jeder Vater: es gibt deutlich zu wenig Lehrkräfte. Übrigens gibt es auch – auf der Grafik nicht dargestellt – mehr als eine Million Jobs im Bereich Gesundheit und Pflege (siehe das Spezial in diesem LP21-Heft). Auch hier gibt es keine gesellschaftliche Debatte über die Wertigkeit dieser Arbeitsplätze.


[*] Als britische Städte durch deutsche Bomber massiv bombardiert wurden, ließ Churchill im britischen Rundfunksender BBC und dort in deutscher Sprache hartnäckig vorrechnen, wie manipulierend die deutsche Kriegsberichterstattung war. Es könnte es, so Churchill damals, längst keine britischen Kampfflugzeuge mehr geben, wenn die Angaben über Abschüsse britischer Militärmaschinen zutreffen würden. Die deutsche Propagandamaschinerie versuchte darauf, Churchill als Zahlen-Manipulator darzustellen.

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