125 Jahre Massenarbeitslosigkeit

Winfried Wolf. Lunapark21 – Heft 21

Am 7. Juni 1977 übertrug das Erste Deutsche Fernsehen (ARD) ein Streitgespräch, das zwischen dem (bald darauf durch die RAF ermordeten) deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und dem Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Oskar Vetter vor Managern und Unternehmern in St. Gallen ausgetragen wurde. Der ehemalige SS-Mann Schleyer sprach in der klaren Sprache des Klassenkampfes von oben; er rechtfertigte die strikte Ablehnung jeglicher Arbeitszeitverkürzung seitens der deutschen Industrie und die Politik der aggressiven, flächenhaften Aussperrung, die die Metallindustriellen bei Streiks angewandt hatten und weiter androhten. Das hätte eigentlich eine Sternstunde zur Aufklärung über das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital, also über Klassengesellschaft und Klassenkampf werden können. Doch Oskar Vetter jammerte vor allem über die schlechten Zeiten: „Wissen Sie“, so seine Antwort, „wir sind gerade – und darin liegt die Tragik – wir sind gerade in der Transformation der Maloche in die Selbstdarstellung durch Arbeit. Und da bricht dann diese katastrophale Arbeitslosigkeit herein.“[1]

Hinter diesen wenigen Worten verbergen sich zwei klassische, grundlegende Irrtümer.

Irrtum Nr. 1: Lohnarbeit im Kapitalismus wird in der Summe nie „Selbstdarstellung“, gemeint Selbstverwirklichung sein. Richtig ist: Schöpferische Arbeit unterscheidet den Mensch vom Tier; in einer solchen Tätigkeit – in Arbeit im kreativen Sinn – können Menschen sich vergegenständlichen, in ihr „aufgehen“. „Maloche“, wie Vetter es richtig nennt, also harte Lohnarbeit, ist dann jedoch bereits in mehrerer Hinsicht entfremdete Arbeit: Die Arbeit ist zergliedert, eintönig. Das Produkt ist meist keines, mit dem sich der Beschäftigte identifiziert. Oft ist es unnötig, schrottig oder gar zerstörerisch.

Und dieses Produkt des Arbeitsprozesses gehört dann auch noch dem, der Arbeit nimmt, und der sich jedoch – auch dies ein Teil der Entfremdung und Verfremdung –„Arbeitgeber“ nennt. In den Worten von Karl Marx: „Diese Verwirklichung der Arbeit erscheint (im Fall der Lohnarbeit; W.W.) als Entwirklichung des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust und Knechtschaft des Gegenstandes, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung. (…) Die Entäußerung des Arbeiters in seinem Produkt hat die Bedeutung, dass seine Arbeit (…) außer ihm, unabhängig, fremd von ihm existiert und eine selbständige Macht ihm gegenüber wird, dass das Leben, was er dem Gegenstand verliehen hat, ihm feindlich und fremd gegenübertritt.“[2]

Irrtum Nr. 2: Die Arbeitslosigkeit, die der DGB-Vorsitzende beklagt, ist eben nicht „hereingebrochen“; sie kommt nicht „von außen“. Sie ist logischer Bestandteil des Kapitalismus. In den in den Schaubildern dargestellten 125 Jahren Existenz des deutschen Kapitalismus (und Verfügbarkeit brauchbarer Statistiken zur Arbeitslosigkeit) gab es – von drei Ausnahmen abgesehen – immer „diese katastrophale Arbeitslosigkeit“.
Die drei Ausnahmen waren die beiden Weltkriege (in denen logischerweise der Arbeitsmarkt leergefegt und die Leichenberge aufgehäuft wurden) und der in Westdeutschland als „Wirtschaftswunder“ bezeichnete kurze Zeitraum von eineinhalb Jahrzehnten, auf dessen Sonderbedingungen wir noch zu sprechen kommen.

Vier Perioden im Vergleich

Betrachtet man die erste hier abgebildete Periode, den Zeitraum 1887 bis 1913, dann ist man zunächst überrascht: die Arbeitslosenquoten lagen damals – im Vergleich zur folgenden Periode, aber auch zu heute – eher niedrig: zwischen 2 und 5 Prozent. Selbst die Spitzenwerte von 7 Prozent liegen unter dem aktuellen Niveau in Deutschland. Zu bedenken ist: Die Zeit der weltweiten Krise 1873 ist aus Gründen der unzureichenden Statistik nicht erfasst.[3]

Abgebildet ist hier die Zeit des blühenden deutschen Kapitalismus, Imperialismus und Kolonialismus. Das deutsche Kapital profitierte vom militärischen Sieg über Frankreich 1870/71. Die deutschen Exporte boomten. Der Weltmarkt schien noch unendlich zu wachsen. Es gab Extraprofite aus den deutschen Kolonien.

Schließlich befeuerte die Aufrüstung – die Vorbereitungen auf den Ersten Weltkrieg – die Konjunktur. Der Krieg, in dem die Weltmarktkonkurrenz militärisch fortgesetzt wurde, beendete diese Periode.

Ganz anders dann die Entwicklung in der folgenden Periode 1918 bis 1939: Bereits 1926 gab es mit 10 Prozent Arbeitslosenquote einen bis dahin nie gesehenen Spitzenwert. Ende der 1920er Jahre war die Durchdringung des damaligen Weltmarkts erfolgt. Der Kapitalismus in Nordamerika und in Europa geriet in seine bisher größte Krise.
In der Weltwirtschaftskrise schnellte die deutsche Arbeitslosenquote auf knapp 30 Prozent. Der deutsche Faschismus führte zum Abbau der Arbeitslosigkeit, weil NSDAP und deutsches Großkapital bereits den nächsten großen Krieg vorbereiteten. Die Spitzenwerte der Arbeitslosenquote von 1930-33 erscheinen einmalig.

Doch es sind fast exakt die gleichen Quoten, wie wir sie heute bereits in Griechenland und Spanien haben.

Das nicht so wunderliche Wirtschaftswunder

Die Periode nach dem Zweiten Weltkrieg wird oft als „Wirtschaftswunder“ bezeichnet. Zunächst einmal war diese Zeit zu Beginn und bis Ende der 1950er Jahre von einer Massenarbeitslosigkeit geprägt; erst 1956 wurde die Zahl von einer Million registrierter Arbeitsloser unterschritten.

Die Periode mit Arbeitslosenzahlen von 150000 bis 270000 beschränkte sich auf exakt 13 Jahre, auf den Zeitraum 1960 bis 1973. Wobei es auch hier den „Ausreißer“ der Rezession 1966/67 (mit kurzzeitig 700000 Arbeitslosen) gab. Wunderlich war diese niedrige Arbeitslosigkeit jedoch nicht. Es gab fünf einmalige Sonderbedingungen:
Erstens leistete der Konkurrent USA Entwicklungshilfe, weil es den gemeinsamen Feind UdSSR/DDR usw. gab (Marshall-Plan; Kalter Krieg).
Zweitens half die massiv unterbewertete und im festen Verhältnis zum Dollar stehende deutsche Währung bei der Exportoffensive (lange Zeit galt 1 Dollar = 4 DM).
Drittens waren die Ausbeutungsbedingungen als Nachwehen des Faschismus extrem günstig, was die Exportoffensive unterstützte. 1955 lag die Wochenarbeitszeit in der BRD-Industrie bei 50 Stunden. Der Monatslohn lag mit 192 Mark netto nur unwesentlich über dem im Faschismus vorherrschenden Niveau (1939 = 156 Mark; jeweils zu Preisen von 1925).
Viertens waren damit die Lohnkosten in Westdeutschland derart niedrig[4], dass neue Technologien im Vergleich zu wichtigen Konkurrenten erst verzögert eingesetzt wurden. Damit entfiel lange Zeit der damit verbundene Effekt der Reduktion von Arbeit durch die Produktivkraftsteigerung.
Fünftens profitierte Westdeutschland bereits früh von einem wachsenden Export in die UdSSR und die anderen nichtkapitalistischen Länder (nicht zuletzt auch durch den „innerdeutschen Handel“), wobei hier der Bildung einer ersten Großen Koalition Ende 1966 als Türöffner fungierte.

Die weltweite Krise 1974/75 läutete das Ende dieser Sonderperiode ein. Vier der „fünf Sonderfaktoren“ wurden beseitigt oder verloren an Bedeutung: die innerimperialistische Konkurrenz – auch die zwischen den USA und der BRD – verschärfte sich; die festen Wechselkurse wurden als Folge der US-Niederlage in Vietnam aufgegeben; kürzere Arbeitszeiten und höhere Löhne wurden erkämpft. Es dominierte wieder der ordinäre oder auch der normale Kapitalismus.

Die aktuelle neue Krisenperiode
Seit der Krise 1974/75 gibt es wieder den klassischen Krisenzyklus, der sich auch in Ausschlägen in der Arbeitslosenquote niederschlägt: auf den Peak 1975 folgt ein solcher mit der Krise 1982ff, ein weiterer 1992ff und schließlich einer nach 2001. Grundsätzlich steigt jetzt die Massenarbeitslosigkeit auf ein langfristig hohes Niveau, wie dies zuvor nie registriert wurde. Die Weltwirtschaftskrise war in Deutschland auf drei Jahre begrenzt. Wenn wir hier als besseren Maßstab die USA wählen, so dauerte dort die durch die Weltwirtschaftskrise ausgelöste Massenarbeitslosigkeit „nur“ 5 bis 7 Jahre. Inzwischen haben wir es jedoch mit einem Zeitraum von einem Dritteljahrhundert (1983-2013) zu tun, in dem die Massenarbeitslosigkeit bei rund 10 Prozent (gut zweieinhalb mal höher als 1887-1913!) liegt.

Dabei gilt es zu bedenken: Das deutsche Kapital verfügt inzwischen über neue „Sonderbedingungen“, die die Arbeitslosenzahl eindämmen. Die starke Stellung in der EU, seit 2000 die Existenz des Euro und die erneut sehr günstigen Lohnkosten führten dazu, dass das deutsche Kapital eine einmalige Offensive des Waren- und Kapitalexports durchführen kann. Damit werden innere Widersprüche und Krisentendenzen nach außen verlagert. Für die Zeit nach 2005 ist zu bedenken, dass der statistische Rückgang der Arbeitslosenquote primär der Einführung von „Hartz IV“ geschuldet ist, worauf in diesem Spezial noch ausführlich eingegangen wird. Wie bereits erwähnt ist der bedrohliche schwarze Block der Arbeitslosenquote, der die hier skizzierte Periode prägt, in Griechenland und Spanien fast drei Mal so hoch, aber auch in Portugal, Irland und Italien bereits doppelt so hoch.

Über die sozialen Verwüstungen, die mit dieser Massenarbeitslosigkeit verbunden sind, muss man sich entrüsten – doch man sollte zugleich verstehen, dass diese Prozesse logisches Resultat des Kapitalismus sind. Milton Friedman formulierte: Es gibt „nur eine soziale Verantwortung der Wirtschaft, nämlich unter Benutzung all ihrer Hilfsquellen sich zu betätigen, um die Gewinne zu erhöhen.“[5] Für diese Erkenntnis erhielt der Mann, der auch als Berater für das faschistische Regime von Augusto Pinochet in Chile wirkte, den Nobelpreis. Dieser Maxime folgt aktuell das Kapital: Maximale Gewinne bei Massenarbeitslosigkeit und mittels derselben.

Anmerkungen:

[1] ARD-Streitgespräch vom 7.6.1977 zusammengefasst in: E. Mandel / W. Wolf, Ende der Krise oder Krise ohne Ende?, Berlin 1977, S. 231.

[2] K. Marx, Pariser Manuskripte – Texte zu Methode und Praxis, o.O. 1966 (Rowohlt), S. 52f.

[3] 1873/74 gab es in Deutschland 3 Millionen Obdachlose und Arbeitslose

[4] 1959 lagen die Lohnkosten in den USA drei Mal höher als in der BRD. Mandel/Wolf, a.a.O., S. 176.

[5] Blick durch die Wirtschaft vom 2.12.1976.

Mehr lesen:

Der verschwundene Platz Berlin, Wilhelmplatz Sebastian Gerhardt. Lunapark21 - Heft 21 Berlin ist wieder Regierungssitz. Die Wilhelmstraße heißt schon lange wieder Wilhelm...
Krisenverschiebungen. Wieso das Krisenbündel 2007ff. bloß die Krise 1973ff. fortsetzt Aus Lunapark21 – Heft 19 In der Geschichte des Kapitalismus gab es vier besonders bedeutsame zyklische Krisen: Die von 1825, mit der die (kapitalis...
Der „Mauerfall“ Historisch-kritische Betrachtungen zu einer gescheiterten Revolution Thomas Kuczynski. Lunapark21 - Heft 28 Die Einschätzung dessen, was im Herbst...
Die Spur des Geldes Politik und Statistik in der Bundesagentur für Arbeit Nürnberg Sebastian Gerhardt. Lunapark21 - Heft 25 Zu den Ritualen der deutschen Politik gehö...
Der Hunger der Athenerinnen Die neuen Obdachlosen sind vor allem Frauen aus der ehemaligen Mittelschicht. Die Prostitution stieg um 1500 Prozent Sandra Ernst Kaiser. Lunapark21 ...