[quartalslüge] 1. Es grünt so grün. 2. Der Chinese schmutzt

Aus Lunapark21 – Heft 19

Beim Thema Statistik wird oft der Satz zitiert „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. In der Regel wird der britische Premier Winston Churchill als Autor dieses Bonmots genannt. Tatsächlich gibt es dafür keinen Beleg – wohl aber Indizien dafür, dass die NSDAP-Propagandamaschine den Spruch in die Welt setzte und Churchill als seinen Urheber ausgab, um seine zutreffenden Aussagen zur Kritik der NS-Propaganda zu desavouieren.*)

Lunapark21 hingegen geht davon aus: Statistik sagt in der Regel das aus, was sie bei genauem Hinsehen und bei gewissenhafter Interpretation aussagt. Statistik und harte Fakten sind äußerst wichtig, um den Diskurs der Herrschenden in Frage stellen. Sie sind es ja meist, die unter Hinweis auf „Fakten“ ihre antidemokratische und zersetzende Politik rechtfertigen.

Zum Thema der aktuellen Quartalslüge. Ausnahmsweise sind es eigentlich zwei solche Großlügen, wenn auch zwei eng miteinander verbundene. QaLü III/XII, Teil 1 lautet: „Die erneuerbaren Energien sind auf dem Vormarsch; wir bewegen uns in Richtung ´green economy´“ – Teil 2 lautet: Wenn die gesetzten Klimaziele nicht erreicht werden sollten, dann liegt die Schuld nicht beim Westen, nicht bei der EU; die Verantwortlichen dafür sitzen nicht in den Regierungen in Berlin, Brüssel oder Washington.

Vielmehr ist es China, das mit seinen hohen Wachstumsraten, mit seiner Industrialisierung ohne Rücksicht auf ökologische Grundlagen und mit seinen Kohlekraftwerken die Weltbilanz in Sachen Klimaschutz zerstört. Das liest sich im Wochenmagazin Focus wie folgt: „China heizt das Klima weiter auf. (…) Der weltweite CO-2-Ausstoß wächst schneller als gedacht. Ein Grund ist das starke Wirtschaftswachstum in China. (…) Kein Land treibt die Erderwärmung schneller voran als China. Der stark wachsende Energiebedarf hat den chinesischen CO-2-Ausstoß seit 2003 sogar verdoppelt.“ (Focus online, 7.10.2011).

Sehen wir uns die Fakten an.

LP21_19: Durchschnittliche CO-2-Emission pro Kopf und Jahr

Erstens: Der Weltenergiebedarf steigt weiter kontinuierlich an. Er wuchs seit 1990 und bis 2010 um rund 40 Prozent. Und er soll bis 2030 nochmals um rund die Hälfte steigen. Wesentlicher Grund ist zweifellos die nachholende Entwicklung in den bisher nicht oder nur gering industrialisierten Ländern, allen voran China und Indien. Diesem regionalen Anstieg des Energiebedarfs steht jedoch nicht der mögliche und geforderte Rückgang des Energieverbrauchs in den hochindustrialisierten Ländern gegenüber. Vielmehr wuchs im Zeitraum 1990 bis 2010 der Energiebedarf in den USA um 22 Prozent und in Europa (EU-27) um 8 Prozent.

Zweitens: Der Energiemix verändert sich nicht zugunsten CO-2-armer Energieträger. Derzeit werden 85 Prozent des globalen Energiebedarfs durch fossile Energieträger (Öl, Kohle, Erdgas) gedeckt. Ausgerechnet die Energieerzeugung auf Kohlebasis (Kohlekraftwerke) steigt seit dem Jahr 2000 deutlich an. Und sie wächst schneller als im Fall anderer Energieträger (siehe Grafik 2). Dieser Anstieg ist zu einem größeren Teil auf China zurückzuführen, aber keineswegs ausschließlich. Neue Kohlekraftwerke werden auch in den westlichen Ländern gebaut.

LP21_19: Entwicklung des globalen Primärenergieverbrauchs

Allein in Deutschland soll in den nächsten drei bis vier Jahren ein halbes Dutzend neuer Kohlekraftwerke ans Netz gehen (in Duisburg-Walsum, Hamburg-Moorburg, Hamm, Karlsruhe, Mannheim und Wilhelmshaven). Die Weltbank, die in erster Linie von den westlichen Staaten dominiert wird, vergibt über ihre Unterorganisationen Kredite für einzelne neue Kohlekraftwerke. Dazu schreibt der Verein PowerShift: „Während mit schönen Worten der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft beschworen wird, flossen allein 2010 6,6 Milliarden US-Dollar in fossile Energieprojekte. Davon entfielen 4,4 Milliarden auf Kohlekraft, eine Zunahme von 356 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Zuwachs bei den Erneuerbaren Energien lag hingegen nur bei 11 Prozent (1,58 Mrd. Dollar). Die Weltbank selbst veröffentlicht andere Zahlen, da sie von ´low carbon´ und ´clean energy projects´ spricht und in diese Kategorien selbst moderne Kohlekraftwerke fallen, z.B. Medupi in Südafrika. Die riesige Anlage mit 4,8 Gigawatt wird jährlich 25 Millionen Tonnen CO-2 in die Atmosphäre blasen. Ultra Mega in Gujarat/ Indien, auch ein Kohlekraftwerk mit Weltbankunterstützung, wird mit 4-GW-Leistung fast ebenso viel ausstoßen.“**)

Während der Anteil von Kohle im globalen Primärenergieverbrauch im Zeitraum 1996 bis 2002 von 27 auf 25 Prozent rückläufig war, steigt er seitdem steil an und liegt inzwischen bei mehr als 30 Prozent – wohlgemerkt ein steigender Anteil Kohle bei steigendem Energieverbrauch – das ist hochkonzentriertes Gift für das Weltklima.

Drittens: Der deutsche Primärenergieverbrauch ist leicht rückläufig. Im Zeitraum 2000 bis 2011 ging er um rund 7 Prozent zurück. Die am wenigsten problematischen erneuerbaren Energieträger Fotovoltaik, Wasser und Windkraft legen zu. Doch sie sind mit einem Anteil von 1,8 Prozent im Jahr 2011 immer noch von zweit-, wenn nicht drittrangiger Bedeutung. Und ausgerechnet diese werden derzeit von der Bundesregierung erneut ausgebremst. Einen relevanten Anteil von 9 Prozent haben die „anderen Erneuerbaren“ (wie Brennholz, Brenntorf, Klärgas, Müll), die aus umwelt-und klimapolitischer Sicht allerdings deutlich kritischer zu sehen sind. Vor allem aber gilt: Auch in Deutschland entfallen heute noch knapp vier Fünftel (78,8%) auf die fossilen Energieträger Mineralöl (33,9%), Steinkohle (12,6%), Braunkohle (11,7%) und Erdgas bzw. Erdölgas (20,6%). Damit entfallen vier Fünftel auf Energieträger, die besonderes CO-2-intensiv sind, die also in starkem Maß zum Klimawandel beitragen. Die restlichen 8,8 Prozent entfallen weiterhin auf Atomenergie, die bekanntlich mit ganz anderen – unverantwortlich großen – Risiken verbunden ist.

Viertens: Der einzige gerechte Maßstab beim globalen Vergleich des Energieverbrauchs – und der unterschiedlichen Beiträge zum Treibhauseffekt – sind die Kohlendioxid-Emissionen pro Kopf. Grafik 1 illustriert hier die aktuellen Relationen. Danach emittiert ein Mensch in den USA heute rund 17 Tonnen CO-2-Emissionen im Jahr. Für Deutschland liegt dieser Wert bei 9 Tonnen – das sind zwar nur 53 Prozent des US-Ausstoßes, doch auch deutlich mehr als der EU-Durchschnitt (7,5 Tonnen). Wichtig ist vor allem der Vergleich mit den nicht-westlichen Ländern. Ein Mensch auf den Philippinen kommt auf weniger als eine Tonne. Das entspricht einem Zehntel des deutschen CO-2-Ausstoßes. Ein Mensch in Liberia kommt auf 0,2 Tonnen. Und auch eine Chinesin bzw. ein Chinese kommen mit 5 Tonnen CO-2-Emissionen auf nur gut die Hälfte des Kohlendioxidausstoßes eines Deutschen.

Verantwortlich für die Erderwärmung sind historisch ohnehin die heutigen, hochindustrialisierten Länder. Denn die Grafik stellt ja nur eine Momentaufnahme dessen dar, was im vergangenen Jahr an Kohlendioxid emittiert wurde. Die Klimaveränderung ist jedoch ein Vorgang, für den die Kohlendioxidemissionen von 100 und mehr Jahren verantwortlich sind. Und diese sind, insoweit sie von Menschen gemacht sind, im wesentlichen Produkt der Industrialisierung, wie sie seit 150 Jahren in erster Linie in Europa, Nordamerika, Japan und Australien stattgefunden hat. Doch auch aktuell liegen die Beiträge, die die westlichen Länder zur Erderwärmung leisten, massiv über dem Niveau der CO-2-Emissionen in China oder Indien. Die großen Potentiale zum Abbau von CO-2-Emissionen liegen damit ebenfalls in Europa, Japan und Nordamerika.

*) Als britische Städte durch deutsche Bomber massiv bombardiert wurden, ließ Churchill in der BBC und dort in deutscher Sprache hartnäckig vorrechnen, wie manipulierend die deutsche Kriegsberichterstattung war. So könnte es, so Churchill, längst keine britischen Kampfflugzeuge mehr geben, wenn all die Angaben über Abschüsse britischer Militärmaschinen zutreffen würden. Die deutsche Propagandamaschinerie versuchte darauf, Churchill als Zahlen-Manipulator darzustellen. Siehe Werner Barke, Referent im Referat Grundsatzfragen des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg, Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 11/2004.

**) Aus: Saft für alle, Energiearmut überwinden – erneuerbare Energien solidarisch produzieren, herausgegeben von PowerShift – Verein für eine ökologisch-solidarische Energie- und Weltwirtschaft, Berlin 2012. http://power-shift.de

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